Trend oder No Trend - Die wichtigste Frage vor jedem Trade
Wissen
Patrik Leuchte
20. Mai 2026

Trend oder No Trend - Die wichtigste Frage vor jedem Trade

Warum die Marktphase alles entscheidet: Trend oder No Trend? Diese Frage entscheidet, welche Strategie greifen kann - und welche im falschen Marktumfeld zuverlässig Geld kostet. Aufwärtstrend, Abwärtstrend, Range: drei Phasen, drei Strategien. Der 21/55-EMA-Filter liefert eine schnelle Einordnung. Wie das in der Praxis aussieht, zeige ich am Chart der SAP-Aktie von 2024 bis heute.

Abb. 1: SAP SE (Tageschart, XETR) - Aufwärtstrend 2024, Topbildung Anfang 2025, bestätigter Trendwechsel und entfalteter Abwärtstrend bis Mai 2026. Gelb: 55-EMA, Orange: 21-EMA.

Anatomie eines Trendwechsels: SAP SE 2024-2026

Der SAP-Chart eignet sich gut, um die drei Marktphasen einmal zusammenhängend durchzugehen, weil sich in einem einzigen Bild ein sauberer Aufwärtstrend, eine Topbildung und ein klarer Abwärtstrend ablesen lassen. In der Praxis sind die Übergänge oft weniger eindeutig - aber genau deshalb hilft es, das Muster zuerst an einem aufgeräumten Beispiel anzuschauen. Ich gehe den Chart mit Dir Phase für Phase durch.

Phase 1: Der Aufbau eines lehrbuchhaften Aufwärtstrends (2024)

Anfang 2024 startet SAP knapp über 120 EUR. Was Du im Chart sofort siehst: der 21-EMA (orange) zieht zügig nach oben und legt sich über den 55-EMA (gelb). Damit ist das bullische Setup aktiviert - ab diesem Punkt kommen für mich Long-Ideen überhaupt erst in Betracht. Und dann liefert der Markt, was ein Aufwärtstrend liefern muss: eine Kette aus Higher Lows (im Chart vier Mal markiert).

Beachte besonders, wo diese Higher Lows entstehen: jedes Mal im unmittelbaren Bereich des 21-EMA oder leicht darunter, bevor der 55-EMA als zweite Auffangzone greift. Das ist die Stelle, an der ich als Trendfolger Long-Einstiege in Betracht ziehe - nicht oben am neuen Hoch, sondern unten am Rücksetzer. Wer in diesen zwölf Monaten an den Rücksetzern eingestiegen ist und mit dem Trend gelaufen ist, hatte den übergeordneten Wind im Rücken - von rund 125 EUR auf knapp 280 EUR. Beide EMAs zeigen die gesamte Phase über klar nach oben, der Kurs hält sich oberhalb. Das ist der saubere, ungestörte Bullenmodus - wie er nicht immer kommt, aber wenn er kommt, sollte man ihn auch erkennen.

Phase 2: Die ersten Risse - wenn die EMAs sich „umarmen" (Frühjahr/Sommer 2025)

Nach dem Hoch bei etwa 280 EUR passiert etwas, das Du im Chart in den zwei blauen Markierungen siehst: der 21-EMA fällt zweimal bis auf den 55-EMA zurück und drückt sich nach jedem Versuch wieder darüber. Das ist noch kein bestätigter Trendwechsel - es ist das Warnsignal. Die Bullen verlieren ihre Energie, die Kurse machen kein neues Hoch mehr, und die beiden gleitenden Durchschnitte beginnen sich zu „umarmen" statt klar nach oben zu divergieren.

Für mich ist das genau die Phase, in der die Range-Definition aus dem Theorieteil greift: weder höhere Hochs noch tiefere Tiefs, beide EMAs flach, der Kurs pendelt. Mein üblicher Reflex in solchen Phasen: Risiko zurückfahren, Stops nachziehen, mit neuen Long-Einstiegen vorsichtiger werden. Was ich nicht tue: panisch short gehen. Solange der 21-EMA nicht nachhaltig unter den 55-EMA fällt, ist der Aufwärtstrend nach diesem Filter nicht offiziell beendet. Wer hier vorprescht, wird häufig vom letzten Bullen-Ausbruch eingefangen.

Phase 3: Der bestätigte Trendwechsel (Mitte 2025)

Dann passiert es: der 21-EMA bricht nachhaltig unter den 55-EMA - im Chart oben rechts als „Bestätigung für einen Trendwechsel: 21 < 55 EMA" markiert. Damit liegt das spiegelbildliche Setup zum Aufwärtstrend vor. Drei Bedingungen sind jetzt gleichzeitig erfüllt:

•      Kurs unter dem 21-EMA

•      21-EMA unter dem 55-EMA

•      Beide EMAs mit klar negativer Steigung

Das ist exakt das bärische Setup aus dem Pro-Tipp - nur dieses Mal nicht in der Theorie, sondern live im Chart. Für mich ist das der Punkt, an dem ich verbleibende Long-Engagements kritisch hinterfrage und auf der Long-Seite nichts Neues mehr aufbaue. Wer den ersten blauen Kreis übersehen hat: mit diesem Cross-Down hat der Markt nach diesem Filter deutlich kommuniziert, dass das einfache Spiel auf der Long-Seite vorerst vorbei ist. Die Strategie-Logik wechselt jetzt: „buy the dip" wird zu „sell the rally". Das heißt nicht, dass ab dem nächsten Tag der Kurs nur noch fällt - es heißt, dass ich Erholungen jetzt anders bewerte als zuvor.

Phase 4: Der entfaltete Abwärtstrend bis heute (Spätsommer 2025 - Mai 2026)

Was danach folgt, ist das Spiegelbild von Phase 1 - nur nach unten. Du siehst im Chart drei klar markierte Lower Highs. Jeder dieser Lower Highs ist genau im Bereich des fallenden 21-EMA oder knapp darunter zurückgewiesen worden. Das ist die exakte Spiegelung der Higher Lows aus dem Aufwärtstrend: damals lieferten die EMAs Kauf-Zonen, jetzt lieferten sie Verkaufs-Zonen. Lehrbuch.

Jetzt zur Gegenwart, Mai 2026: SAP notiert bei rund 144 EUR, der 21-EMA bei 146 EUR, der 55-EMA bei 154 EUR. Und hier wird es aus meiner Sicht strukturell spannend. Was im Chart leicht zu übersehen ist: der Kurs hat in den letzten Wochen eine wichtige Unterstützungszone um 138 EUR angelaufen - ein Niveau, das im Aufwärtstrend mehrfach als Reaktionspunkt diente und das jetzt erneut Käufer auf den Plan gerufen hat. Dass der Markt von dort aus relativ zügig zurück in Richtung 21-EMA gearbeitet hat, ist kein triviales Verhalten für eine Aktie in einem reinen Abwärtstrend. In einem ungebremsten Downtrend hätten wir an dieser Stelle in der Regel den nächsten Stab nach unten gesehen - stattdessen kämpft sich der Kurs zurück nach oben.

Was das in der Summe ergibt: Wir befinden uns in einer Übergangszone, in der zwei Argumente nebeneinanderstehen. Auf der einen Seite zeigt der 21/55-Filter formal noch einen Abwärtstrend - beide EMAs negativ geneigt, 21 unter 55. Auf der anderen Seite haben wir mit der gehaltenen 138er-Zone und der Annäherung an den 21-EMA von unten zwei strukturelle Argumente, die für ein frühes Reversal-Setup sprechen. Genau diese Konstellation - ein bestätigter Trend, der gleichzeitig an einer harten Unterstützung Reaktion zeigt - ist erfahrungsgemäß die Stelle, an der größere Trendwechsel ihren Anfang nehmen. Nicht jede solche Zone hält, das ist klar - aber dort, wo sich Trendwechsel später als solche zu erkennen geben, fängt es genau so an, wie es hier gerade aussieht.

Wie man eine solche Lage spielt, ist eine Frage des Stils und des Zeithorizonts. Die einen warten auf das vollständig bestätigte Wendesignal: Rückeroberung des 21-EMA, erstes höheres Tief, irgendwann den 21-über-55-Cross. Diese Trader sind formal sauber unterwegs, lassen aber per Definition den ersten - und oft kräftigsten - Teil der Bewegung liegen. Die anderen positionieren sich antizyklisch früher und setzen darauf, dass eine bewährte Unterstützungszone plus erste Stärke unterhalb des 21-EMA gute Argumente für einen Einstieg sind. Der Vorteil: das Risiko lässt sich unmittelbar definieren - unterhalb der 138er-Zone, eng und sauber. Hält die Zone, hat man den Einstieg nahe am Tief; hält sie nicht, ist man mit einem überschaubaren Verlust raus. Das ist genau die Art von Setup, bei dem das Chance-Risiko-Verhältnis am attraktivsten wird - und der Grund, warum erfahrene Trader gerade in solchen Übergangszonen besonders aufmerksam hinschauen.

Worauf ich in den kommenden Wochen achte: Hält der Bereich um 138 EUR und erobert der Kurs den 21-EMA nachhaltig zurück, ist das ein erstes hartes Argument für die Reversal-Seite - der nächste Schritt wäre dann ein bestätigtes höheres Tief. Bricht die 138er-Zone dagegen mit Volumen, wäre die These zunächst entkräftet und die alte Trendgeschichte hätte noch eine Etappe vor sich. So oder so: wir stehen an einem spannenden Punkt - nicht in einer aussichtslosen Lage. Wer SAP auf diesem Niveau bereits im Portfolio hat, hat strukturelle Argumente auf seiner Seite und einen klar definierbaren Risiko-Rahmen; wer noch wartet, bekommt in Kürze ein bestätigtes oder entkräftetes Signal geliefert. Beide Positionen sind investierbare Positionen - es ist die Marktphase, in der sich Geduld und Mut gleichermaßen auszahlen können.

Beispiele aus der Praxis

Stell Dir folgende Szenarien vor und überlege, welche Strategie jeweils passt:

•      Aufwärtstrend: Eine Aktie macht immer neue Hochs, Korrekturen bleiben über dem vorherigen Tief stehen, 21-EMA notiert über dem 55-EMA. → Trendfolge Long, Einstieg an Rücksetzern an die EMAs (genau wie SAP 2024).

•      Abwärtstrend: Eine Aktie fällt kontinuierlich, Erholungen drehen unter dem vorherigen Hoch wieder ab, 21-EMA notiert unter dem 55-EMA. → Trendfolge Short, Einstieg an Erholungen an die EMAs (genau wie SAP seit Mitte 2025).

•      Range: Eine Aktie pendelt seit Monaten zwischen 90 und 110 Euro, beide EMAs flach und sich kreuzend. → Range-Trading oder gar nicht handeln (genau wie SAP im Frühjahr/Sommer 2025).

Fazit: Erst die Phase, dann die Strategie

Der größte Hebel für meine Trefferquote war die Erkenntnis, dass keine Strategie in allen Marktphasen funktioniert. Trendfolge in der Range = Tod durch tausend Fehlausbrüche. Range-Trading im Trend = Stops werden permanent gerissen. Der SAP-Chart, den wir gerade durchgegangen sind, illustriert das gut: dasselbe Wertpapier zeigte innerhalb von zweieinhalb Jahren drei sehr unterschiedliche Marktcharaktere - und was im einen funktioniert hätte, wäre im anderen vermutlich teuer geworden.

Was Du Dir merken kannst:

•      Definiere die Marktphase bevor Du irgendeine Strategie anwendest.

•      Such Dir ein Werkzeug, das zu Dir passt - das 21/55-EMA-Setup ist eines von vielen.

•      Achte auf das nachhaltige Kreuzen der EMAs - nicht jedes Tippen ist ein Signal.

•      Im Zweifel: Handle nicht. Nicht jede Marktphase ist Deine Phase.

Und merke Dir: Der Markt schenkt Dir nichts - aber er verrät Dir, was er gerade will, wenn Du genau hinschaust. Die Preisstruktur ist kein Geheimnis. Sie liegt offen vor Dir im Chart. Du musst sie nur lesen lernen.


Happy Trading,
Patrik

Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Der Handel mit Finanzinstrumenten ist mit erheblichen Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich.

Patrik Leuchte

Patrik Leuchte

Patrik Leuchte - Chefredakteur Leuchte-Trading. Patrik Leuchte kennt den Finanzmarkt aus zwei Perspektiven: Er bringt Erfahrungen aus institutionellem Trading, Market-Making und Risikomanagement an der Wall Street mit. Seit 2018 begleitet er nun Privatanleger mit seinem Swing-Trading-Ansatz. Auf dem innovativen Portal „Leuchte-Trading“ liefert er nicht nur Signale über alle Assetklassen hinweg, sondern vermittelt Anlegern Wissen zum eigenständigen Handeln.